Gebildet, gefördert, aber nur geduldet
12.03.2010
von Benjamin Piel
LUDWIGSLUST - Auf dem Lkw ist es stickig. Die Luft wird immer dünner - das Atmen fällt immer schwerer. Zu wenig Sauerstoff für die dreiköpfige Familie auf der Ladefläche. Als der Laster in der Türkei startet, ist es schwül. Je näher er Deutschland kommt, desto kälter wird es. Die dünne Kleidung der Flüchtlinge hält die Kälte nicht ab. Die beiden Kinder weinen leise, zitternd klappern sie mit den Zähnen. Mühsam versucht ihre Mutter, die beiden zu beruhigen. Drei Tage dauert die Reise, drei Tage ohne Toilette. Beißender Uringestank liegt in der Luft. Die Mutter starrt verkrampft in die Dunkelheit. Ängstlich, von den Grenzern entdeckt zu werden. Ihr letztes Geld hat sie an die Schleuser gezahlt, um das vermeintliche Paradies zu erreichen. Es ist April 2002. Der Monat, in dem Nargiz Alieva nach Deutschland einreist. Erst zwölf Jahre alt - aber alt genug, um eine illegale Einwanderin zu sein. "Denk an etwas Schönes", sagt ihre Mutter zu ihr. Aber Nargiz fällt nichts ein.
Ein Leben lang auf der Flucht
Im April 1990 kommt Nargiz Alieva zur Welt. In einem Auto. Auf der Fahrt ins weit entfernte Krankenhaus. Bergkarabach heißt die Region im Kaukasus, in der sie geboren wird. Armenien und Aserbaidschan kämpfen um das an den Iran grenzende Gebiet. Immer wieder wird es von schweren Kämpfen erschüttert. Seit hundert Jahren schon. Im Kampf um das Land stirbt auch Nargiz´ Vater. Da ist sie zwei Jahre alt. Bis heute weiß sie nicht viel von ihm.
Nargiz´ Kindheit ist vorbei, bevor sie angefangen hat. Nach dem Tod des Vaters beginnt das Leben auf der Flucht. "Wir sind auf der Flucht vor den bösen Männern", sagt ihre Mutter. Verstehen kann Nargiz das nicht, aber fühlen. Furcht, Angst, Panik - wenn es Konstanten gibt auf der Hetzjagd von Versteck zu Versteck, dann diese Gefühle.
Zuerst flüchtet die Familie nach Russland. Ihren Lebensunterhalt verdient sie mit dem Verkauf von Zeitungen. Eine harte Arbeit, von früh bis spät. Aber genug Geld kommt trotzdem nicht dabei herum. Flaschensammeln ist lukrativer. Aber noch anstrengender. Die Flaschen sind schwer, das Wetter rau, am Ende des Tages spürt Nargiz ihre Beine nicht mehr, ihr Rücken schmerzt. Bis heute. Betten gibt es in der Wohnung nicht. Aber nach einem Arbeitstag bleibt keine Kraft mehr, um sich darüber zu beschweren.
Im Jahr 2001 die nächste Flucht. Diesmal in die Türkei. "Da wird es uns besser gehen", verspricht ihre Mutter. Aber es wird nicht besser. Wenn Nargiz Alieva an diese Zeit denkt, fällt ihr nicht viel ein. Ihr Gedächtnis ist leer.
Status: Geduldet - auch das ist eine Art Flucht
Als Nargiz Alieva nach Deutschland kam, war sie Asylantin. Seit knapp zwei Jahren ist sie eine Geduldete. Ihr Asylverfahren wurde geschlossen. Ihre Abschiebung wird für eine gewisse Zeit aufgeschoben. Vielleicht für viele Jahre, vielleicht nur für ein paar Monate. Konkrete Angaben machen die Behörden nicht. Alle drei Monate muss sie zum Ausländeramt, um ihre Duldung zu erneuern. Die Angst vor der Abschiebung begleitet sie durch ihr Leben. "Jeden Tag schaue ich aus dem Fenster, ob die Polizei schon da ist, um mich abzuholen", sagt sie. "Ist heute der Tag, an dem ich Deutschland verlassen muss?", diese Frage stellt sie sich jeden Morgen aufs Neue. Sie darf sich nur in den Landkreisen Ludwigslust, Nordwestmecklenburg, Wismar, Parchim und Schwerin aufhalten. Für Aufenthalte außerhalb dieser Landkreise braucht sie eine schriftliche Genehmigung der Behörde. Freiheit sieht anders aus.
"Ich habe immer das Gefühl, nicht richtig dazu zu gehören", sagt die Dunkelhaarige und schaut in die Ferne. Ihr Russisch-Kurs unternimmt in einigen Wochen eine Studienreise nach Russland. Alle fahren mit - Nargiz muss zu Hause bleiben. "Ich weiß nie, was der nächste Tag mir bringt", sagt sie. Es scheint die traurige Formel ihres Lebens zu sein.
Die Start-Stiftung, die begabte Schüler mit Migrationshintergrund unterstützt, hat die heute 19-Jährige als Stipendiatin aufgenommen. In einem Jahr wird sie ihr Abitur machen. Anschließend möchte sie Medizin studieren. Ob das möglich ist, ist ebenso unklar wie viele andere Punkte in ihrem Leben. Die Unsicherheit bleibt - die Flucht geht weiter.
Schweriner Volkszeitung
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