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Blutige Kampfspuren

05.02.2010

von Corinna Pfaff

ROSTOCK - Die Zuschauer stellen sich in Reihen an, um keinen Tag bei diesem Prozess im Rostocker Landgericht zu versäumen. Geduldig lassen sie aufwändige Einlasskontrollen über sich ergehen. Bewacht von einem großen Polizeiaufgebot. Die Atmosphäre ist angespannt. Die Zuschauer ergreifen Partei - entweder für die Angeklagten oder für die Nebenkläger. Links oder Rechts, das scheint hier die Frage.

Auf der Anklagebank drei Männer im Alter zwischen 22 und 41 Jahren, augenscheinlich der rechten Szene zugehörig. Der Älteste heißt Michael Grewe. Der Mitarbeiter der NPD-Landtagsfraktion war 2006 Direktkandidat für die rechtsextreme Partei, wurde aber nicht gewählt. Im Prozess will er nichts sagen. In einer vorbereiteten Erklärung hatte er zu Prozessbeginn aber alle Vorwürfe zurückgewiesen. Der jüngste Angeklagte kommt aus Nordwestmecklenburg. Er machte gegenüber der Jugendgerichtshilfe keinen Hehl aus seiner Gesinnung. Seit seinem 13. Lebensjahr fühle er sich der rechten Szene zugehörig, bekannte er einer Mitarbeiterin. Allen drei Männern wird schwerer Landfriedensbruch und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Delikte, für die mehrjährige Haftstrafen drohen.

Ein 22-jähriger Zeuge rückte mit seiner Aussage gestern noch einmal das dramatische Geschehen vom Juni 2007 ins Gedächtnis. Er sei mit Musikfreunden im Bus unterwegs nach Rostock gewesen, um gegen eine NPD-Veranstaltung zu protestieren. Der Bus hielt entgegen der Planung aus ihm unbekannten Gründen am Bahnhof Schwaan. Dort seien alle Businsassen in die Bahn umgestiegen. Just in den Zug, mit dem auch NPD-Anhänger in die Hansestadt fahren wollten. Unter ihnen, wie aus der Erklärung Grewes hervorging, der NPD-Fraktionsvorsitzende Udo Pastörs. An der Station Pölchow hätten Rechte dann plötzlich ihren Waggon gestürmt und sie aus dem Zug getrieben, berichtete der Zeuge vor Gericht. Schläge und Tritte habe er abbekommen. Ein kleines Kind sei durch Glassplitter von berstenden Fensterscheiben verletzt worden. Und Grewe, den er hinterher im Internet wieder erkannte, habe bei dem Angriff eine Führungsrolle übernommen.

Die Aussagen decken sich mit Angaben früherer Gerichtszeugen aus den Reihen der Angegriffenen. Einer der Zuschauer hört die Aussage des Zeugen nicht mehr: Der Vorsitzende Richter schickte ihn gestern nach einem Hinweis des Nebenklage-Anwalts aus dem Saal - weil er ein T-Shirt mit dem Aufdruck einer "rechtsterroristischen Gruppe" trug, die Anschläge mit Todesopfern zu verantworten hätten.

Als die Polizei 2007 in Pölchow eintraf, war die Auseinandersetzung vorbei und sie konnte nur noch die Personalien einiger Personen aus beiden Gruppen feststellen, wie gestern Beamte im Zeugenstand erklärten. Die zum Teil blutigen Kampfspuren im Zug seien per Video dokumentiert worden. Um herauszufinden, was sich genau abspielte, setzte das Gericht gestern weitere Verhandlungstage an - bislang bis zum 1. März.

Schweriner Volkszeitung

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