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08.12.2003
"Hier ist der Wahnsinn des Kriegs präsent" - Heute beginnen nahe des Usedomer Golms die Arbeiten an der deutsch-polnischen Jugendbegegnungsstätte


Von unserem Redaktionsmitglied Christian Kunst

Korswandt. Wahrzeichen von Usedom, Ausflugsziel für unzählige Touristen und Grabstätte von 23 000 Menschen - wer jemals den Golm auf Usedom besucht hat, der begreift die Spannung, die die höchste Erhebung der Ostseeinsel in sich birgt. Es sind diese Gegensätze, die den Korswandter Otto Simon seit über 30 Jahren umtreiben. Als Pfarrer in Zirchow hat er zusammen mit seiner Frau alle Höhen und Tiefen der Geschichte des Golms miterlebt. Ab 1992 trug er mit einer Interessengemeinschaft wesentlich zur Neugestaltung der Gedenkstätte auf dem Golm bei. Aus dieser Erfahrung weiß der Usedomer, wie stark sich die Kriegsgräber-Gedenkstätte nicht nur äußerlich, sondern auch in seiner politischen Bedeutung gewandelt hat: Vom antifaschistischen Propagandaort vor 1989 zur Kriegsgräberstätte unter der Federführung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

2,5-Millionen-Projekt

Heute kommt ein weiterer Baustein zu dieser Geschichte hinzu: Nur wenige Kilometer entfernt vom Golm, im Grenzdorf Kamminke, beginnen mit einem symbolischen Spatenstich die Arbeiten an der bundesweit einzigartigen deutsch-polnischen Jugendbegegnungsstätte. Bis Ende 2004 sollen in der früheren Dorfschule Seminarräume für bis zu 90 Teilnehmer entstehen. Der alte Kindergarten wird zu einer Cafeteria umgebaut. Insgesamt kostet das Projekt, zu dem auch Schlafräume in drei benachbarten "Türmen" gehören, 2,5 Millionen Euro. Zwei Drittel der Kosten übernehmen Bund, Land und Europäische Union. Den Rest trägt der Volksbund. Das Mammut-Projekt ist für Otto Simon zugleich Chance und Risiko. "Es gehört viel dazu, für so viele Leute ein Programm zu gestalten." Außerdem befürchtet er, dass eine Begegnungsstätte den "Bodenkontakt" verlieren könnte. "Sie muss den Kontakt mit der Bevölkerung suchen. Darum muss man ringen", mahnt Simon. Der "Interessengemeinschaft Gedenkstätte Golm", die derzeit etwa 400 Mitglieder hat, sei dies immer gelungen - "wir sind Leute des Volkes." Auch deshalb steht für ihn fest: "Wir haben Fakten gesetzt. Jährlich kommen 40 000 Besucher auf den Golm. Wer hier eine Begegnungsstätte baut, kann nicht an uns vorbeigehen."

Und so verwundert es wenig, dass auch die Idee der Begegnungsstätte bei einer der Führungen von Otto Simon enstand: Als 1998 eine Studentengruppe der Universität Oldenburg (Niedersachsen) auf der Insel Usedom forschte, machten sie den Vorschlag, die einzigartige Historie des Golms künftig in einer Geschichtswerkstatt aufzuarbeiten, berichtet Somon. Doch erst nachdem der Volksbund vor drei Jahren die Trägerschaft für die Gedenkstätte übernahm, erlebte die Idee eine Renaissance. Heute sagt der 75-Jährige: "Die Begegnungsstätte ist die einzige Chance, damit die Toten nicht umsonst gestorben sind." Allerdings müsse man sich in Kamminke der Geschichte des Golms in seiner Gesamtheit stellen. Dazu gehörten neben der erdrückenden Tatsache von 20 000 Zivilisten und 3000 Soldaten, die bei der Bombardierung Swinemündes durch die Alliierten starben, auch die Bedeutung des Golms in der Zeit davor und danach.

So hätten sich viele ehemalige Swinemünder nach 1989 nur deshalb so stark für den Golm eingesetzt, weil er für sie früher ein beliebtes Auflugsziel war. Zur Geschichte gehöre jedoch auch die ambivalente Bedeutung des Naturdenkmals zu DDR-Zeiten: Einerseits etablierte sich der Golm als antifaschistische Gedenkstätte; andererseits sei er für die Kirche ein Symbol für Frieden und Abrüstung gewesen. Bereits 1986 hätten Pastoren aus Heringsdorf und Mellenthin am 12. März, dem Jahrestag der Bombardierung, Kränze am Golm niedergelegt.

Pilgerort für Neonazis

Nach 1989 sei der Golm jedoch auch zur Pilgerstätte für Neonazis geworden. Davon zeugten Aufschriften an Kränzen, die Jugendliche alljährlich zum Volkstrauertag niederlegten. Otto Simon hat sie akribisch gesammelt. Denn auch sie seien Teil der Geschichte des Golms. Wer diese Meinungen ausgrenze, begehe den gleichen Fehler wie die DDR-Führung. Denn "der Großteil der Bevölkerung hat sehr schnell Dinge abgeschüttelt, die sie nicht verinnerlicht und nur angepasst nachgeredet haben".

Außerdem hofft Simon, dass die Begegnungsstätte einen Beitrag zur Debatte über die Rolle der Deutschen im Zweiten Weltkrieg leistet. "Hier ist der Wahnsinn des Kriegs präsent." Daher sei der Golm immer ein Gegenpol zu Peenemünde gewesen - ein Ort, der immer noch für das Gefühl stehe, dass der Krieg doch noch zu gewinnen gewesen wäre. Doch gerade dieser Teil der Geschichte Usedoms sei eine Chance für die Begegnungsstätte - enthält er doch eine Spannung, die auch Otto Simon seit Jahren umtreibt.

Nordkurier

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